Timothy Snyders schmales Buch, im Umfang eher ein Pamphlet, hat die Gestalt einer Handreichung: zwanzig Lektionen aus dem zwanzigsten Jahrhundert, jede in wenige Absätze gefasst, jede mit dem Anspruch, unmittelbar handlungsleitend zu sein. Man mag dieser Form vorwerfen, dass sie die historische Komplexität zugunsten einer moralischen Zuspitzung opfert. Doch gerade darin liegt Snyders Wette: dass die Demokratie nicht an ihren Feinden zugrunde geht, sondern an der vorauseilenden Anpassung ihrer Freunde.
Der Autoritarismus, so seine These, verlangt nicht Zustimmung, sondern Gehorsam, und Gehorsam beginnt lange vor dem Befehl. Es sind die kleinen, oft unbemerkten Gesten der Unterwerfung – die vorbeugende Selbstzensur, das mitlaufende Schweigen, die bereitwillige Übersetzung des eigenen Handelns in die Sprache der Macht –, in denen die Herrschaft ihre eigentliche Arbeit tut. Snyder, der als Historiker Osteuropas die Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts studiert hat, weiß, wovon er schreibt: Regime werden nicht nur durch Gewalt errichtet, sondern durch die zahllosen kleinen Kollaborationen des Alltags.
Die meiste Macht des Autoritarismus wird verschenkt. In Zeiten wie diesen denken Einzelne im voraus darüber nach, was eine repressivere Regierung wohl wollen könnte, und bieten sich ihr an, ohne gefragt zu werden.Timothy Snyder aus: „Über Tyrannei“
Was Snyders Buch von der Flut politischer Ratgeberliteratur abhebt, ist die Nüchternheit seiner Empfehlungen. Er ruft nicht zum heroischen Widerstand auf, sondern zur Pflege des Gewöhnlichen: Institutionen verteidigen, professionelle Ethiken hochhalten, Symbolen misstrauen, den eigenen Körper in den öffentlichen Raum bringen, Bücher lesen. Es sind bescheidene Gesten, doch gerade ihre Bescheidenheit ist das Argument. Denn Tyrannei, so Snyder, erkennt man nicht an der Größe ihrer Verbrechen, sondern an der Selbstverständlichkeit, mit der sie das Selbstverständliche zerstört.
Man kann Snyder vorwerfen, dass er die amerikanische Gegenwart zuweilen etwas vorschnell mit den 1930er Jahren überblendet. Doch diese Vorsicht wäre nur dann angebracht, wenn Geschichte sich als Vergleich erschöpfte. Snyder tut etwas anderes: Er liest die Vergangenheit als ein Inventar möglicher Gegenwart. Was in Weimar, in Prag, in Moskau möglich war, bleibt möglich – nicht identisch, aber strukturell. Wer das für Alarmismus hält, hat den Historikerberuf missverstanden. Snyder erinnert daran, dass Wachsamkeit die einzige politische Tugend ist, die man nicht delegieren kann.